Sicherheit vor Freiheit - Bastian Atzger

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Sicherheit vor Freiheit

Geschriebenes > Publikationen

Sicherheit vor Freiheit - Wohin entwickelt sich die junge Generation?

Das höchste Gut für jeden Menschen, so erfährt es schon jeder Student im Grundstudium der Betriebswirtschaftslehre, ist die Freiheit durch Selbstverwirklichung. Dargestellt in der sogenannten „Bedürfnispyramide“ nach Abraham Maslow.

Heute scheint dieser Wert jedoch nicht mehr zu gelten – zumindest nach der neuesten Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young (EY). Sie befragte 4.300 Studenten, welche Faktoren für sie bei der Berufswahl eine Rolle spielten.

Das Resultat (Mehrfachnennungen waren möglich): Ganze 61 Prozent nannten als wichtiges Kriterium „sichere Arbeitsstelle“. Jeder Zweite (32 Prozent) ist an einer verbeamteten Stelle interessiert. Erst auf den folgenden Plätzen folgen Gehalt (59 Prozent), gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf (57 Prozent) oder soziale Belange (22 Prozent). Derartige Statistiken sind selbstverständlich stets kritisch zu betrachten und zunächst als aktuelle Momentaufnahme zu bewerten. Dennoch sollte uns ihre Grundaussage zu denken geben, welche Werte wir künftigen Generationen mitgeben und wie wir diese unseren Kindern vorleben möchten.

Ausgeprägtes Sicherheitsdenken

Laut einer Infratest-Studie 2013 unter Internetnutzern würden sich 79 Prozent der Befragten eher für Sicherheit denn für Freiheit entscheiden. Das unterstreicht das ausgeprägte Sicherheitsdenken hierzulande und weshalb vielen eine vermeintlich sichere Laufbahn in Großkonzernen oder beim Staat attraktiver als eine eigenverantwortliche Tätigkeit erscheint.

Bezeichnend ist auch eine Umfrage des Karriereportals Monster: In Deutschland gehen 92 Prozent der befragten Teilnehmer nicht ihrem Traumberuf nach. Die Gründe sind teilweise finanziell bedingt, aber überwiegend einem mangelnden Sicherheitsempfinden bei der Selbstverwirklichung geschuldet. Folglich leidet auch der Schritt in eine selbstständige Tätigkeit. Im Vergleich zu anderen Ländern besteht in Deutschland das geringste Interesse, sich selbstständig zu machen: Nur gut jeder vierte Bundesbürger kann sich überhaupt vorstellen, diesen Weg zu gehen, häufig aus Angst vor dem Scheitern.

Und in der Tat haben gescheiterte Unternehmer häufig das Image eines Verlierers und sind bei einem möglichen Neubeginn nicht in der Lage, auch bei ausreichenden persönlichen Sicherheiten, mit ihrer Hausbank über einen Investitions- oder Warenkredit neu zu verhandeln.

Deutschland hat seit den 1950er-Jahren einen wirtschaftlichen und sozialen Quantensprung gemacht. Wir stehen in vielen Sparten an der Weltspitze, es geht uns gut, und das soziale Netz lässt niemand zurück. Das sollten wir jetzt nicht aufs Spiel setzen, indem wir uns nur auf die Sicherung des bisher Erreichten konzentrieren und damit den Blick voraus verlieren.

Bildungseinrichtungen in der Pflicht

Ob sich diese Situation in der Zukunft wieder ändert, mag getrost bezweifelt werden, wobei die Schuld nicht bei der heutigen Jugend alleine zu finden ist. Unsere Bildungseinrichtungen, allen voran die Schulen, bestärken Schüler geradezu dazu, jegliches Risiko zu vermeiden und stets den sicheren Weg zu suchen. Und ihre Vorbilder sind Personen, die selbst ihr Los im Staatsdienst gefunden haben. Wie soll hieraus denn eine Generation von verantwortungsbewussten und wirtschaftskompetenten Menschen entstehen?

Der Autor und Bildungsexperte Sir Ken Robinson beschreibt die Situation treffend wie folgt: „Schulen sind Relikte aus der industriellen Revolution, das sieht man auch an ihrer faabrikähnlichen Struktur. Es gibt Klingeln, getrennte Einrichtungen, eine Spezialisierung nach Fächern, Arbeitsbeginn ist sieben Uhr, und wir bilden bündelweise aus. Wer sich für ein funktionierendes Modell des Lernens interessiert, muss sich von dieser Fließbandmentalität, die nach Standardisierung in allen Bereichen schreit, verabschieden.“

Doch in der heutigen Zeit fordert man im (Arbeits-)Leben Kompetenzen wie Teamarbeit und die Fähigkeit, aus herkömmlichen Denkmustern kreativ auszubrechen. Deshalb müssen die Bildungseinrichtungen endlich lernen, divergentes Denken zu fördern. Es zulassen, dass Schüler und Studenten die Fähigkeit erlangen, eine Vielzahl von Antworten auf ein und dieselbe Frage zu geben, bzw. eine Frage auch auf mehrfache Weise interpretieren können. Ein Denken, dass Aufgabe A stets nur zu Lösung B führt, ist für die Anforderungen der heutigen Zeit absolut kontraproduktiv.

Aber auch bei den Einstellungskriterien und Ausbildungswegen der Lehrkräfte besteht dringender Handlungsbedarf. Der Beruf des Lehrers entspricht heute genau diesem Muster eines ausgeprägten Sicherheitsdenkens, denn der Werdegang Schule – Uni – Schule ist frei von Risiken und Überraschungen. Doch wer eine derartige Karriere durchläuft, kann einfach keinem Schüler eine Anleitung zu eigenverantwortlichem und unternehmerischem Handeln geben.

Es ist deshalb im Rahmen der Ausbildung von Lehrkräften eine Phase der praktischen Arbeit in der freien Wirtschaft unabdingbar. Ein vierwöchiges Praktikum ist sicher nicht ausreichend. Außerdem muss der Begriff „Pädagogik“ wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Man darf Schülern im Frontalunterreicht nicht den Eindruck vermitteln, dass man nur das auswendig herzusagen braucht, was der Lehrer hören will. Wir brauchen Pädagogen, die aufwecken, motivieren und sich selbst wie ihren gesamten Unterricht nicht danach ausrichten, wie am einfachsten Noten zu vergeben sind, sondern daran, wie er dem Charakter jedes einzelnen Schülers am besten gerecht wird.

Übrigens noch eine Anmerkung: Die Schule ist die einzige Dienstleistung, in welcher der Dienstleister den Kunden bewertet und für schlechte oder fehlerhaft erbrachte Leistung nicht haftbar gemacht werden kann.

Politik muss Wege vorzeigen

Diese somit größtenteils bildungsbedingte Grundeinstellung, die Freiheit durch Sicherheit verdrängt, führt auch zur Mentalität, die den Staat als erste und beste Lösung aller Probleme begreift. Diese Haltung widerspricht seit jeher dem Gründungsgedanken der Bundesrepublik Deutschland und der sozialen Marktwirtschaft.

Die Gesellschaft muss endlich umdenken. Der erste Schritt muss der hin zu einem offeneren, moderneren und schülerorientierten Bildungssystem sein auf Basis des Mottos: Werte- und Wissensvermittlung statt Reproduktion und Standardisierung. Wir benötigen ein Bildungssystem, das sich entwickelt, wenn es uns entwickeln will.

Wir müssen die Risiken eines überzogenen Sicherheitsdenkens betonen und Chancen für Kinder, Jugendliche und Studenten aufzeigen, sich ihren Neigungen entsprechend zu bilden und sich mit eigenen Ideen in der freien Wirtschaft stark zu machen. Auch den Begriff des Scheiterns müssen wir neu definieren und ihm durch eine Kultur der mehrfachen Chancen den Schrecken nehmen.

Anders wird es uns nie gelingen, ein Denken zu entwickeln, das Freiheit, Verantwortung und Unternehmertum wertschätzt. Und wir müssen erinnern an das alte, aber immer wahre Wort von Benjamin Franklin: „Wer seine Freiheit der Sicherheit opfert, hat beides nicht verdient.“


(Veröffentlicht im Monatsmagazin "Wirtschaftsforum" der mit Baden-Württemberg, Ausgabe September 2014)
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü